Landwirtschaft 4.0 oder Öko

Die steirische Landwirtschaft steht vor einer großen Weggabelung und damit verbunden vor einer bedeutenden Entscheidung: Richten wir unsere Landwirtschaft nach den gegenwärtigen großen Trends der Branche aus, die heißen: große Einheiten für den aggressiven Käufermarkt, einen Preiskampf mit den großen Mitbewerbern und den Fokus auf Großproduktionsstätten mit zum Teil prekären Bedingungen im Bereich der Pflanzen- und Tierproduktion? Oder folgen wir dem anderen Weg und legen unseren Fokus auf den Familienbetrieb und Werte wie Qualität, Transparenz, Innovation und starke Marken gepaart mit hohen ethischen Standards im Bereich des Tierwohls?

 

Die Steiermark entscheidet sich ganz eindeutig für den zweiten Weg. Agrarlandesrat Johann Seitinger skizziert den Weg der steirischen Agrarpolitik der Zukunft: „Der Weg der Steiermark ist für mich sonnenklar: Klein und transparent statt groß und hocheffizient heißt die Devise! Wir setzen eindeutig auf den nachhaltigen, transparenten und qualitätsbewussten Weg mit unseren heimischen Familienbetrieben. Dieser Markt ist zwar kleiner, als jener von der Massenerzeugung dominierte Markt, aber er bietet die einzige Chance für die steirische Landwirtschaft.“

Die Steiermark als Land der kleinbäuerlichen Familienbetriebsstruktur muss sich klar auf diesen Weg konzentrieren. Nach dem auch in Österreich mehr als zwei Drittel der Konsumenten und Konsumentinnen reine „Preiskäufer“ sind – das heißt, dass beim Produktkauf eher der günstigere Preis vor die hohe Qualität der heimischen Erzeugnisse gestellt wird – braucht es für die steirische Landwirtschaft eine volle Konzentration auf den selektiven Markt sowohl im Inland als auch im Ausland.

Die Forderung nach einer „Grünen Revolution“.

Die wesentlichen Fragen für die Zukunft der Landwirtschaft sind aber auch auf andere Themenbereiche fokussiert, damit die heimischen Bauern-Familien überleben. Eng daran angeknüpft verläuft die Fragestellung, welche Schritte notwendig sind, um die Landwirtschaft in Zukunft attraktiv und gesellschaftsfähig zu machen. Und schlussendlich geht es um das größte Thema aller Zeiten, den Klimawandel und der Frage, wie es zu bewerkstelligen ist, dass Politik und Konsumenten bewusst wird, dass die heimischen Bäuerinnen und Bauern ein Teil der Lösung sind. Agrarlandesrat Johann Seitinger findet klare Worte und fordert: „Wir brauchen eine Grüne Revolution. Das bedeutet eine sukzessive ökologische Steuerreform, einen notwendigen Bonus für klimafreundliche Lebens- und Unternehmensführung sowie ein gesteigertes Bewusstsein für dieses Thema im Allgemeinen.“

Steirische Land- und Forstwirtschaft stellt sich den großen Trends.

„Für die Megatrends der nächsten Jahrzehnte sucht die Land- und Forstwirtschaft nach Lösungen und gibt Antworten, damit die Bauernhöfe die Herausforderungen bestmöglich für den betrieblichen Erfolg nutzen können“, sagt Landwirtschaftskammer-Präsident Franz Titschenbacher. Die großen herausfordernden Themen der Zukunft sind der Klimawandel, die Verfügbarkeit von Wasser und Ressourcen für die landwirtschaftliche Produktion, die Digitalisierung, der technische Fortschritt und Innovationen. Titschenbacher: „Mit unserem ambitionierten Zukunftsprojekt ‚Land- und Forstwirtschaft 2030‘ und unserer in Umsetzung befindlichen Strukturreform haben wir als Landwirtschaftskammer die Weichen für die bestmögliche Unterstützung und Begleitung der Bäuerinnen und Bauern gestellt.“

Daten als Öl des 21. Jahrhunderts.

„Im Zuge der Digitalisierung müssen die Daten in den Händen der Bäuerinnen und Bauern bleiben. Sie sind das Öl des 21. Jahrhunderts“, betont Titschenbacher. Der Aufbau von Datennetzwerken oder der Einsatz von Sensortechnik, Drohnen und Robotern sind große Themen in der Land- und Forstwirtschaft. „Damit unsere Betriebe an der digitalen Revolution teilhaben und davon profitieren können, müssen die Initiativen und Vorhaben von Bund und Land zum Ausbau des schnellen Internets auch in den entlegenen ländlichen Regionen rasch umgesetzt werden“, verlangt Titschenbacher.

Klimawandel: Klimafitte Land- und Forstwirtschaft und Antworten für Ausstieg aus Fossilzeitalter.

Von Starkregen und Hagel bis zu Frost und Trockenheit – die Bäuerinnen und Bauern erleben seit Jahren, was die Erderwärmung wirklich bedeutet. Und gleichzeitig gehören sie zu den ersten, die wirklich was tun. Titschenbacher: „Ob das der Weg zum energieunabhängigen Bauernhof ist, mit eigener Strom- und Wärmeversorgung. Oder der klimafitte Ackerbau mit Humusaufbau und der Züchtung neuer trockenheitsresistenterer Sorten sowie die klimafitte Wald- und Grünlandwirtschaft.“ Und weiter: „Es ist keine Zukunftsmusik mehr, dass künftig Autoteile, Kühlschrank- und Computerhüllen, Gips, Glas oder Kleidung aus Holz hergestellt werden. Mit der Bioökonomie gibt die Land- und Forstwirtschaft aktiv zukunftsorientierte Antworten zum Ausstieg aus dem Fossilzeitalter.“

Mehr vom Endverbraucherpreis, Online-Vermarktung, Herkunftskennzeichnung in Kantinen und von verarbeiteten Lebensmitteln.

Auf den von wachsendem Preis- und Konkurrenzdruck geprägten globalisierten Märkten braucht die Landwirtschaft faire Bedingungen. Ein wichtiger Schritt dazu ist zu Jahresende 2018 mit der EU-Einigung auf verbindliche Regeln zum Schutz landwirtschaftlicher Erzeuger vor unfairen Geschäftspraktiken gelungen. Titschenbacher: „Es muss künftig wieder mehr vom Endverbraucherpreis bei den Betrieben ankommen, damit unsere Höfe zukunftsfit bewirtschaftet werden können.“ Vorangetrieben wird auch die (Online-)Vermarktung von regionalen und saisonalen Lebensmitteln als Antwort auf die Globalisierung. Titschenbacher: „Wir werden die Entwicklung trendiger Lebensmittel unterstützen, die den Wünschen der zunehmend urbanen, gesundheits- und freizeitbewussten Bevölkerung entsprechen.“ Die Webshops von „Gutes vom Bauernhof“ oder von Weinbauern sind Beispiele dafür. Titschenbacher: „Besonders konzentrieren werden wir uns heuer auf die im Regierungsprogramm enthaltene Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln in Kantinen, Mensen, Schulen, Kindergärten, Spitälern, Seniorenheimen oder Kasernen. Weiters auch auf die Herkunftskennzeichnung von Fleisch, Milch und Eiern als wertbestimmender Anteil in Verarbeitungsprodukten.“

Maier: Landwirtschaft der Zukunft muss wieder greifbarer werden.

„Ein großes Problem der heutigen Zeit ist es, dass die Distanz zwischen den KonsumentInnen und der Landwirtschaft immer größer wird. Die Landwirtschaft der Zukunft heißt deshalb Beziehungs-Landwirtschaft“, betont Landesbäuerin Gusti Maier.

Das bedeutet insbesondere, dass der Konsument/die Konsumentin wieder eine gute, gesunde und vertrauensvolle Beziehung zum Landwirt/zur Landwirtin aufbaut. Das kann zum einen in Form von Urlaub am Bauernhof oder Besuchskonzepten wie der „offenen Stalltür“ geschehen. Zum anderen sind es neue Formen der Direktvermarktung wie Onlineshops, Verkaufsautomaten, Produktveredelungen etc. erfolgen. Beides hat zum Ziel die Beziehung zwischen den Konsumenten und der Landwirtschaft zu stärken.

Die Bäuerinnen können stolz sein.

Die Bedeutung der Frauen in der Landwirtschaft ist zweifelsfrei eine große und das Frauenbild in der Landwirtschaft hat sich grundlegend verändert. So gibt es in der Steiermark bereits 40 Prozent von Frauen geführte landwirtschaftliche Betriebe. Zurückzuführen ist das unter anderem auf die kleinen Strukturen und die Nebenerwerbssituation in der Landwirtschaft durch die in den letzten Jahren immer mehr Frauen die Verantwortung in den Betrieben übernommen haben und sich in dieser führenden Rolle immer mehr bewähren. Zusätzlich spielen sie eine ganz entscheidende Rolle bei der Entwicklung und Umsetzung neuer Existenzchancen. „Die Bäuerinnen haben spürbar einen höheren Stellenwert bekommen und können stolz auf sich sein. Sie bringen starke und gute Innovationen und Ideen und wenn man heute mit Menschen über das Thema Landwirtschaft spricht, dann fallen ihnen ganz schnell die tüchtigen Bäuerinnen ein“, betont Landesbäuerin Gusti Maier.

 

Foto: Alexander Danner/LK

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